Modesünden

Offline sein ist ja gerade schwer in Mode. Ich ließ mich ein bisschen mit treiben. Aus diesen und jenen Gründen.

Gedanklich versank ich immer noch in den Töpfen und Schüsselchen unserer stadteigenen Kochkreativen, probierte hier und ließ mir von dort berichten. Nur das mit dem Schreiben, das wollte zeitweilig nicht klappen.

Doch jetzt rumpelt`s wieder im Getriebe, die Finger jucken und die Sommerpause tut ihr Übriges. Hallo zurück, liebe Gaumenfreunde.

Share This Post
Veröffentlicht unter Geschmacksmacher | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar
Mittegenuss: Frozen Yogurt

Die ersten ofenwarmen Sonnenstrahlen kitzelten Nase, Bauch und Gemüt. Schlagartig sind wir nicht nur gelassenere Menschen, sondern auch Foodies mit Sommer-Speiseplan.

Das Lächeln sitzt wie angeknipst. Leichten Gewandes und Fußes und schlendern wir durch die erwachte Stadt. Wieder gibt es so viel Neues zu entdecken und erschmecken. Zum Beispiel Frozen Yogurt von Efa´s in Mitte.

Seit dem Osterwochenende kann nun auch im Weinbergsweg die weniger kalorienbombige Alternative zum Sahnespeiseeis schnabuliert werden. Lecker ist es, schick schaut es aus – gut gemacht, Ritter des amerikanischen Sommergenusses.

Paul von Efa´s knappste etwas von seiner kostbaren Zeit ab, um einige Fragen zu der Idee dahinter, dem Produkt dadrin und dem Drumherum zu beantworten:

zungenGOLD: Mal angenommen, Efa`s wäre ein Mensch – Was würde er/sie in einer Kontaktanzeige schreiben?

Aufgeschlossene, neugierige und überaus attraktive Dame (ursprünglich 1949 geboren) ist auf der Suche nach Menschen, die sich genauso wie sie für Qualität begeistern können und Spaß am Leben haben.

zungenGOLD: Warum zieht es euch nach Berlin Mitte?

Mitte ist für uns ein Ort an dem wir viel Zeit verbringen. Dort wohnen auch viele Freunde von uns. Hier befindet sich unser Lebensmittelpunkt. Insofern erschien es nur logisch dort unseren Laden zu eröffnen. Da wir jedoch neben unserem Laden auch noch einen alten T1 Bulli – Frozen Yogurt – Bus haben, können wir auch außerhalb von Mitte die Ecken, die wir in Kreuzberg, Neukölln, Charlottenburg etc. lieben, mit Frozen Yogurt versorgen.

zungenGOLD: In Berlin ist es ein ständiges Kommen und Gehen von kreativen Geschäftsideen – warum werdet ihr bleiben?

Unserer Meinung nach hat Qualität und Liebe zum Detail bestand. Wenn man von seinem Produkt so überzeugt ist wie wir, stellt sich die Frage des Gehens nicht. Glücklicherweise sind wir nicht die einzigen, die Efa´s lieben oder lieb gewonnen haben. Hinzu kommt, dass es die Marke Efa schon seit 1949 gibt. Somit ist Efa´s Frozen Yogurt nicht ein Retortenbaby oder me-too sondern eine alte Traditionsmarke die eine Frischzellenkur erhalten hat.

zungenGOLD: Wenn ihr euch nicht in Frozen Yogurt verliebt hättet – was würdet ihr stattdessen tun?

Bei Felicitas ist das Eisgeschäft und somit auch der Frozen Yogurt in die Wiege gelegt worden, da es ihr Großvater war, der in der Nachkriegszeit Efa Eiskrem gegründet hat. Ein anderer Berufsweg ist somit allein historisch gesehen gar nicht denkbar. Ich kann mir nun auch nichts anderes mehr vorstellen. Wir beide aber wollten schon immer etwas Eigenenes schaffen und weiterentwickeln.

zungenGOLD: Euer Flagship-store wurde von dem Architekten Julius Kranefuß gestaltet, der als Teil des Design-Kollektivs  ”My Bauhaus is better than yours” einen Kronleuchter aus recycelten PET-Flaschen vorstellte. Worauf legt ihr beim Design eures neuen Domizils Wert? Ist es eco-friendly?

Wir sind sehr glücklich, dass wir mit Julius Kranefuss einen Architekten gefunden haben, der unsere Vorstellung der Marke Efa´s mit uns vollkommen teilt und versteht. Wir bei Efa´s legen in jeglichen Bereichen Wert auf Nachhaltigkeit. Dies fängt bei unserem Produkt an, das aus Biojoghurt aus Brandenburg hergestellt wird, und endet z.B. damit, dass wir uns genau anschauen woher wir unseren Strom beziehen. Solche Überlegungen fließen natürlich auch in die Gestaltung und den Bau unseres Ladens mit ein. Julius und wir haben immer darauf geachtet möglichst Materialien zu verarbeiten, die wiederverwertbar sind und lange halten.

zungenGOLD: Erst Brownies, dann Cupcakes und seit einer Weile Frozen Yogurt – was fasziniert am amerikanischen Geschmack?

Ich glaube, Menschen fasziniert nicht der amerikanische Geschmack an sich. Jeder probiert gerne Neues aus. Es muss aber in keinem Fall immer unbedingt aus Amerika kommen. Ein tolles Beispiel sind Babanbè, die das Banh Mi, ein Vietnamesisches Sandwich, nach Berlin Kreuzberg gebracht haben. Klar ist aber, dass ein Produkt nur interessant bleibt, wenn es auch wirklich gut ist.

Danke Paul!

Mehr über Efa´s zu lesen und entdecken gibt es hier: IlikeEfas


Share This Post
Veröffentlicht unter stadtESSthetik, zungenGOLD | Hinterlasse einen Kommentar
Take-Away aus Nachbars Küche

Ehrliches Essen von nebenan: Die Niederländer machen´s vor, wann zieht die Kreativküche Berlin endlich nach?

Schräg über den Hof wohnt mein End-Dreißiger-Nachbar Herr X. Seinen Namen kenne ich nicht. Aber ich weiß, dass er gerne kocht, denn das tut er häufig und ich kann ihn dabei von meinem Küchenfenster aus beoachten. Normalerweise gehört sich das nicht, aber es ist ein schöner Anblick. Und wenn er da so rührt, knetet und schnibbelt und ein toller Duft unseren Hof einzunehmen beginnt – ja, da frage ich mich, was es bei ihm nun schon wieder Wundervolles zu essen gibt und möchte auch ein Tellerchen abhaben.

Gäbe es in unserer Stadt die deutsche Version von Tweetjemee wäre das gar nicht so unwahrscheinlich. Dann wäre mein Herr X. vielleicht einer von vielen Hobby-Meisterköchen, die statt im Stillen ganz offensiv kochen. Für ihre Nachbarn.

Das Prinzip ist einfach: Jeder Kochfreund kann hier sein Selbstgekochtes anbieten. Wann, wieviel, zu welchem Preis und wo bestimmt dabei jeder selbst. Interessierte bestellen direkt auf der Plattform, schnappen sich ihr Tupperdöschen und holen sich ihre Portion beim Home-Restaurant-Chef selbst ab.

Bei aller Liebe zu den vielen Food-Angeboten, die uns in der Mittagspause eine kulinarische Weltreise ermöglichen – so etwas echt Selbstgemachtes von dem netten Fräulein nebenan wär doch mal was. Schließlich siegt nicht immer die Lust am Kochen über die eigene Bequemlichkeit. Und all den Schimpfern über die böse Anonymisierung der Großstadt würde mit diesem Nachbarschaftsprojekt eine leckere Lektion erteilt.

Also Berlin, wann kommst du?

** Nähere Infos zu diesem Projekt gibt es auch hier.

Share This Post
Veröffentlicht unter stadtESSthetik, zungenGOLD | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar
Wenn ein Freak eine Weinreise tut

Reisebericht * WineStyle in Hamburg

Heimkommen und sich gleichzeitig als Exot fühlen: die WineStyle in Hamburg überraschte mit originellen Erkenntnissen, Geschmacksbomben und allzu vertrauten, urdeutschen Eigenheiten.

Eine Messe ist eine Messe. Viele Menschen tummeln sich auf stickigem, engem Raum, reden mit- und tuscheln übereinander und wollen am Ende erschöpft mit Tüten voller „Ich weiß es als Erstes“-Informationen nach Hause schlurfen. Wenn diese Menschen jedoch mit einem Weinglas bewaffnet sind und sich von Stand zu Stand trinken dürfen, wird es mitunter sehr lustig.

Die erste Erkenntnis: Hamburg umarmt einen noch immer herzlich mit scheußlichem Nordwetter.

Das Nasse Dreieck zwischen Elbe und Weser ist meine Heimat, ich hätte es mir denken können. Da wird selbst ein proppevolles Messegelände zum heimeligen Refugium. Durchnässt und zottelig wie ein Schottischer Hirschhund rettete ich mich ins Warme und krabbelte flugs meinen letzten Rest Seriosität zusammen, um inmitten der hanseatisch-trockenen Weinelite nicht sofort unangenehm aufzufallen. Semi-erfolgreich, würde ich sagen.

Egal, das „Junge Winzertalente“-Seminar des Weinpropheten Stuart Pigott stand als erstes auf meiner Liste und sollte jede Minute beginnen, keine Zeit also für Eitelkeiten. Wir erinnern uns, ich erwartete großes Brimborium und revoltierendes Getose von ihm – nun ja, ganz so war es nicht. Gesittete Lernstunde trifft es besser.

Mister Pigott fiel dennoch aus dem Rahmen: Gegen die Branchenlinie lobpreiste er gute Tropfen für den Preis einer Kippenschachtel, verpasste Restaurantbesitzern einen verbalen Einlauf, die zu Ungunsten des halbinformierten Otto-Normal-Trinkers gepfefferte Margen absahnen, und hielt Winzer an, es mit dem Alkoholgehalt doch bitte nicht mehr so zu übertreiben. Strunzblau wolle man schließlich nicht werden – das bildungsbürgerliche Kennerpublikum war entzückt ob der markigen Aussagen, nickte eifrig und schmeckte sich lippenschürzend durch die gelobten Tropfen. Allein das neu erworbene Weinwissen in dieser Verkostung war die Reise wert, doch so ein echter, etwas lauterer Aufstand hätte mir persönlich äußerst gut gefallen. Wahrscheinlich lag es an der Uhrzeit, das Gefolge war noch nicht eingegroovt.

Die zweite Erkenntnis: Aus Weinbranchen-Sicht bin ich ein „Freak“.

Nicht unbedingt, weil ich erst seit Kurzem Rotwein so richtig etwas abgewinnen kann. Nein, “crazy shit” ist eher meine Vorliebe für süße Weine. Wie bitte? Die gleiten doch wundervoll sanft die Kehle hinunter, wärmen den Bauch und pappen die Zunge nicht so unkomfortabel an die Mundoberseite, wie es bitter-saures Gesöff gerne tut. So. Ich war ziemlich alleine mit dieser Meinung.

Die dritte (sich anschließende) Erkenntnis: Herb-ultratrocken ist heute wie gestern das Wine-Must-Have, insbesondere bei den Hamburgern.

Das habe „Statusgründe“, wurde mir von Aussteller-Seite zugeflüstert, „lieblich wird immer noch für Qualitätsschund gehalten – was Quatsch ist“. Aha. Die Profis sahen es also ähnlich wie ich, nur wie so häufig siegte auch hier der Geschmack der Masse. Welch Pech für mich, denn die Winzer hatten wohlweislich alles Süße zuhause gelassen (“Perlen vor die Säue”). Was dann, ab in den Mainstream?

Nein, glücklicherweise wurde mein unangepasster Gaumen fündig: Dank Dr. Jochen Siemens, meinem persönlichen Helden dieses Tages. Seinen „Riesling Kabinett 2009“ klassifizierte er selbst als feinherb, doch meine Geschmacksnerven morsten mir das Urteil „super-vollmundig-fruchtig-süß“ – und nach Stuart Pigott darf jeder über den Geschmack von Wein sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Guter Mann. Ebenso wie Dr. Siemens, ehemaliger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, der irgendwann lieber tolle Naturweine wie diesen Riesling auf seinem eigenen Gut im Saarburger Land statt Schlagzeilen produzieren wollte. Noch gibt es die 2009er nicht auf seiner Website zu bestellen – es lohnt sich aber, ab und zu nachzuschauen.

Die vierte Erkenntnis: “Back to the Roots” lautet auch in der Weinwelt die neue Marschrichtung.

Das Kieler Weinhandelshaus Marxen/Wein zählte messetechnisch zu den “jungen Wilden” – mit kernig-flottem Werbesprech und einem Markendesign, das sich den Staub aus jeder Pore geklopft hat, wirkte es magnetisch inmitten der klassischen Ausstellerwelt. Zudem schenkte es nicht nur edel-delikaten Schaumwein aus (großartig: Crémant Extra Brut “Zéro”, Weinkellerei Bouvet-Ladubay), sondern teilte auch höchstinteressante Informationen. Der Chef des Hauses, Jan Peter Marxen, plauderte mit sympathisch freiem Zungenschlag über seinen “Lieblingsfeind” Monsanto, ein US-Agrarkonzern, der gerne an Pflanzengenen herumdoktert, und die Vorzüge von “naturreinen” Weinen. Jene erkor Marxen auch gleich zum heißesten Wein-Trend, welcher aktuell Händchen haltend mit der Slow-Food-Bewegung und der Öko-Mania durch die Genusswelt stiefelt. Gute Sache, das. Nur eben nicht ganz neu. Vor den 50er Jahren, so klärt der Profi auf, durfte Wein noch ohne künstliche Hefezusätze lustig vor sich hingären, bis findige Zusatzmittelhersteller den mahnenden Zeigefinger reckten. Der Naturwein-Trend ist also vielmehr eine Geschmacksrenaissance, die bis jetzt nur Wenige zu schätzen wissen. Dank Dr. Siemens zähle nun auch ich dazu.

Die fünfte und wertvollste Erkenntnis: Hanseatische Weinkenner sind auch nur Deutsche. Mit urdeutschen Instinkten.

Kein mallorquinischer Strand in Sicht und doch ist der Platzverteidiger aus Stoff allzeit bereit – wie sich zeigte, als eine kleine, prospektwedelnde Dame auf mich zugestürmt kam, um die mit einem schwarzen Wollschal bedeckte Stuhlreihe aufgeregt vor mir zu verteidigen. Wer hätte das gedacht, selbst inmitten dieser gut-situierten Klientel gab es sie, die Alles-meins-Mentalität. Irgendwie süß. So mit Humor und aus der Ferne betrachtet. Hätte ich nicht zufällig noch ein freies Plätzchen im heiß begehrten Weinseminar ergattert, hätte ich möglicherweise meine eigene, kleine Revolte angezettelt. Einem geouteten “Freak” hätte man es vielleicht sogar nachgesehen.

Die Messe war jedoch nicht nur kurios, sondern auch lecker. Kulinarische (unherbe) Highlights waren für mich außerdem:

Innere Leiste Riesling 2009 * Weingut am Stein

Dieses sehr edle fränkische Tröpfchen empfahl Mister Pigott in seinem Seminar und überzeugte mich im Handumdrehen. Intensive Noten von Grapefruit, Limette und Aprikose schrieb sich der Riesling auf die Fahne und hielt in Perfektion, was er versprach. Wenn ich mal wieder etwas ganz Großartiges feiern möchte, werde ich mir ein Fläschchen leisten. Mit zwanzig Euro das Stück ist dieser Wein leider nicht alltagstauglich.

**

Erdbeer-Chili Likör * Weinmanufaktur Schneiders

Vor einigen Jahren ging sie los, diese geschmackliche Innovationssucht der Lebensmitteltechnologen, die auf Teufel komm raus alles Süße mit Pfeffrigem zuballern mussten. Ein großer Freund war ich davon nie. Doch dieser Likör, das muss selbst ich gestehen, ist schon etwas ganz Feines. In einer spannenden Geschmacksschlaufe breitet sich zunächst die erdbeerige Süße vollmundig auf der Zungenspitze aus, um im Abgang die Chili-Schärfe britzelnd in die Nase steigen zu lassen und schließlich einen Tropfen von Beidem als Erinnerung am Gaumen haften zu lassen – ein irres Erlebnis und daher sehr empfehlenswert für Freunde des kombinierten Geschmacks.

Goufrais * Kakao-Konfekt

“Le délice frais” – Herrlich zartschmelziges Kakao-Konfekt, das in Miniatur-Gugelhupfform und eisgekühlt gereicht wird. Zugegeben, es hat einen leichten 60er-Jahre-Touch, wenn man Gastgeber spielt und Konfekt zum Aperitiv serviert – doch, was soll´s? Es schmeckt bombastisch.

Share This Post
Veröffentlicht unter stadtESSthetik, zungenGOLD | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar
Schnittlauch-Love

RINGO * Neukölln

Die Stadt ist voll mit schauspielernden Kellnern (oder andersherum) – welch feuchtfröhlicher Nährboden für Vorurteile. Amüsiert kann man beobachten, wie sie sich selbst in ihre Klischee-Schublade kuscheln und ist mächtig überrascht, wenn mal jemand aus der Reihe tanzt.

Philip gehört, oberflächlich betrachtet, zu dieser heiß geliebten Berliner Feindbildschöpfung. Jener Clique gutaussehender, junger Menschen, die dramatisch ambitionslos und nur so zum Zeitvertreib zwischen Casting und the-next-big-thing Servicekraft spielen und dabei nicht müde werden, ihre eigentliche Bestimmung zu betonen. In den Bars zwischen Herrmannplatz und Schönhauser Allee finden wir täglich die Bestätigung dafür und halten die Ausnahme von der Regel für nicht mehr als eine Urban Legend. Nur Philip ist ein Spielverderber – er macht einfach alles anders und damit richtig.

In der ungezwungen-stilvollen kleinen Neuköllner Bar RINGO, die etwas versteckt in einer Seitenstraße des Kottbusser Damms liegt, war er gestern Herr über Speis und Trank. Im sehr überschaubaren, schnickschnackfreien Raum mit großen Fensterfronten und zum Verlieben schönen Sechzigerjahre-Lampen, die über dem Tresen baumeln, versammelte sich eine angenehm durchwürfelte Gruppe Feierabendschwärmer. Nichts Besonderes soweit. Wären eben nicht meine sorgsam gepflegten Vorurteile kräftig durcheinander gewirbelt worden.

Kaum hatten sich meine Freundin und ich in eine bequeme Sitzposition gemummelt, brachte er schon Karte und warme Begrüßungsworte. Ausgehungert, aber eher ohne große Hoffnung, dass eine Bar dieses Kleinformats (architektonisch gesehen) zu später Stunde noch lecker Essbares bieten könnte, fragte ich nach dem kulinarischen Angebot. Bagel und Lachs hatten das Tagesgeschäft überlebt – nunja, das versprach zumindest Sättigung. Denn mehr als ein leicht pappiges Resteessen erwartete ich nicht. Sei´s drum, maßregelte ich meinen inneren Kritikus, Grundlage muss sein und so wurde bestellt.

Philip entschwand lächelnd hinter der Bar und tauchte sehr kurz darauf wieder an unserem Tisch auf. Mancherorts muss man darum betteln, doch hier gesellte sich das Gläschen Leitungswasser wie selbstverständlich zum großzügig gefüllten Glas Riesling. Soweit ist es schon gekommen in unserer Stadt, dass Details wie diese Bauchkonfetti auslösen. Doch Philip hatte sich hier erst warm-charmanzt. Während er mit Gläsern hantierte, weiter lächelte und den Blick in jeder Ecke gleichzeitig zu haben schien, damit ihm kein Wunsch seiner Gäste entging, bereitete er nebenbei mein Abendbrot. Die gruselige Pappteigling-Vision entpuppte sich schließlich als Rucola-gefüttertes Lachsträumchen zwischen warmen Knusperbagelhälften mit Meerrettich-Topping.

Wohl wahr, gefühlte Nah-Hungertod-Erfahrungen trüben ja gerne mal die Wahrnehmung; absonderlichste Dinge schmecken dann nach Offenbarung. Gut möglich also, dass in diesem speziellen Bagel-Fall ein “verdammt lecker” als Beschreibung ausreichend wäre. Das fühlt sich aber nach zu wenig an. Besser trifft es: Das Reinbeißen war einer dieser Momente, die man malen wollte, wenn man talentierter wäre.

Ich hatte mich zur Hälfte selig gesättigt, da stand Philip plötzlich wieder vor uns, diesmal mit Sorgenfalten statt Lächeln im Gesicht. Nanu? Das hätte er ganz vergessen und ohne wäre der Bagel ja nicht so, wie er sein müsste – sprach´s und platzierte als Topping des Abends ein Schüsselchen mit frischen Schnittlauchröllchen neben meinem Teller.

Share This Post
Veröffentlicht unter stadtESSthetik, zungenGOLD | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar